Im Sutra 2.13 schreibt Patanjali: ,,sati mule tad - vipako jaty - ayur - bogah",, Wenn die Wurzel (der leidvollen Spannungen) lebendig ist, sind die Ergebnisse die Geburt, die Lebensdauer und die Lebenserfahrungen." 8
Wir sammeln durch unser Leben unsere Handlungen fortwährend neue Eindrücke (samskaras), die sich in unserem Denken niederschlagen. Egal ob wir frohe oder traurige, gute oder schlechte Gedanken haben mögen, alle werden gleichermaßen als Leid bewirkende Hindernisse bezeichnet. Jedes Vergnügen, alle Lust die aus den Sinnen stammt, wird schließlich Leid bringen. Aller Genuß läßt uns nach mehr Genuß streben, bis wir an einen Punkt gelangen, an dem dieses Verlangen nicht mehr gestillt werden kann. Im Sutra 2.14 erklärt uns Patanjali den Zusammenhang von Ursache und Wirkung sehr deutlich:
,,te hlada - pratipara - phalah punya - apunya - hetutvat." ,,Die Erfahrungen von Freude oder Bedrängnis sind die Früchte von Handlungen, die von guter oder böser Absicht motiviert sind." 9
Hier wird uns ein Hinweis gegeben, daß wir durch die Ansammlung von guten Taten und Werken unsere eigene Lebenserfahrung verändern können.
,,parinama - tapa - samskara- duhkhair guna - vrtti virodhacca duhkham eva sarvam vivekinah" ,,Aufgrund der Leiden, die durch Veränderung, die Bedrückung und die unterbewußten Eindrücke entstehen, und weil die Bewegungen der Kräfte der Natur sich gegenseitig stören, erkennen die unterscheidenden Weisen, daß alles Leid ist." 10
Das führt Patanjali im Sutra 2.15 aus. Auch die freudvollen Erfahrungen führen also zum Leid, wenn wir ihnen verhaftet sind, da sie die Tendenz beinhalten, sie für immer festhalten zu wollen. In der täglichen Yoga Praxis könnte das bedeuten, daß wir vielleicht einmal eine sehr schöne, sehr angenehme Erfahrung gemacht haben und jetzt darunter leiden sie nicht genauso wiederholen zu können. Möglicherweise geschieht etwas anderes nicht minder schönes, aber wir nehmen es nicht wahr, weil unsere Wahrnehmung auf der Suche der Erfahrung von Gestern ist.
So erkennen wir das die Kehrseite der Freude automatisch das Leid ist und wir uns, nur indem wir uns von Zu- und Abneigungen lösen, uns nicht mehr mit ihnen identifizieren, zukünftiges Leid vermeiden können. Durch diese Loslösung (vairagya) können wir einen Blick auf das Jenseitige erhaschen und vielleicht erkennen, daß wir das innere Selbst nur verwirklichen können, wenn wir dem Anhaften an der äußeren Welt entsagen. Im Sutra 2.16 fährt Patanjali fort :
,,heyam dhukham anagatam" ,,(Nur) das Leid, das noch zukünftig ist, kann vermieden werden." 11
Nur das Leid also, dessen Ursache noch nicht entstanden ist, kann vermieden werden, indem wir erkennen, daß die Verbindung von Sehendem und Gesehenen die Ursache des Leides ist, wie es im Sutra 2.17 beschrieben wird.
,,drastr - drsyayoh - samyogo heya - hetuh." ,,Da die Verbindung des Sehenden mit dem Gesehenen die Ursache des Leides ist, kann sie vermieden werden." 12
Wieder wird uns ein klarer Hinweis gegeben die Identifizierung mit der äußeren Welt aufzugeben, da wir die durch vergangene Eindrücke und Handlungen entstandenen Wellen (vrttis) nicht vermeiden können, sollten wir sie, wie in Sutra 2.11 beschrieben, durch Meditation auflösen. Da die Basis der Meditation das Zur - Ruhe - kommen der seelisch - geistigen Vorgänge ist, wie in Sutra 1.2 beschrieben wird, werden wir hier automatisch zur Übung (abhyasa) zurückgeführt. In Sutra 1.12 schreibt Patanjali:
,, abhyasa-vairagyabhyam tan-nirodhah." ,,Das Zur - Ruhe Kommen der seelisch geistigen Vorgänge erlangt man durch Übung (abhyasa) und Loslösung (vairagya).13
Übung und Loslösung erklärt uns Patanjali in den Sutras 1.13 bis 1.16 noch ausführlicher:
,, tatra sthitau yatno ´bhyasah." ,,Die intensive Bemühung um diesen Ruhezustand ist die Übung (abhyasa)."14
Das folgende Sutra erläutert das vorhergegangene wie folgt:
,,sa tu dirgha-kala-nairantarya-satakara-asevito drdha-bhumi." ,,Wenn die Übung eine lange Zeit ununterbrochen und mit einer Haltung von Hingabe vollzogen wird, bereitet sie eine feste Grundlage." 23
Um also die Unwissenheit (avidya) zu verringern, müssen wir lange und fortwährend üben und uns von der Begierde nach dem Erfahrenen lösen, wie es im sutra 1.15 klar beschrieben wird.
,, drsta - anusravika - visaya - vitrsnasya vasikara - samjna vairagyam." ,,Das Nicht Begehren nach allen gesehenen und gehörten Gegenständen ist die Loslösung, die auch Selbstbeherrschung (vasikara) genannt wird." 15
Hören wir also auf, uns durch das Begehren an die äußere Welt zu binden, erlangen wir Selbstbeherrschung, und erfahren die Schau des ursprünglichen Menschens (purusa), wie es im Sutra 1.16 beschrieben wird.
,,tatparam purusa-khyater guna-vaitrsnyam." ,,Das Nicht-Begehren nach den Grundelementen (der Erscheinungswelt), das zu der Schau des ursprünglichen Menschen führt, ist die höchste Form der Los-lösung." 16
Die reine Erfahrung also führt uns zurück zum ursprünglichen Menschen, zu unserer Seele.
Alles, was von äußeren Welt verstellt oder getrübt ist, erscheint als falsches Sehen denn es beruht auf Erfahrungen aus der Vergangenheit, die uns den reinen und unzensierten Blick, auf das-was-ist, verstellen. In dem Augenblick also in dem wir realisieren, daß wir der Erfahrende, der Seher (purusa) sind, endet avidya und mit ihr findet auch asmita, die Ichverhaftung, die mit raga, der Begierde und dvesa, dem Haß einhergeht, automatisch ein Ende.
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1. Patanjali, Die Wurzeln des Yoga, Kommentiert von P.Y. Deshpande, Scherz Verlag 1985, S. 89 sutra 2.3
2. Deshpande, a.a.O., S. 89 sutra 2.4
3. Deshpande, a.a.O., S. 89 sutra 2.5
4. Swami Venkatesananda, The Yoga sutras of Patanjali, Divine Life Society, Theri-Garhwal Indien 1998, S.131
5. Deshpande, a.a.O., S.97, Sutra 2.10
6. Swami Vivekananda, Raja Yoga, Verlag Hermann Bauer, Freiburg, 3. Auflage 1995, S.185, Sutra 2.10
7. Deshpande, a.a.O., S. 97, Sutra 2.11.
8. Deshpande, a.a.O., S. 97, Sutra 2.13.
9. Deshpande, a.a.O., S. 97, Sutra 2.14
10. Deshpande, a.a.O., S. 97 - 98, Sutra 2.15
11. Deshpande, a.a.O., S. 98, Sutra 2.16
12. Deshpande, a.a.O., S.98, Sutra 2.17
13. Deshpande, a.a.O., S.37, Sutra 1.12
14. Deshpande, a.a.O., S.37, Sutra 1.13
15. Deshpande, a.a.O., S.37, Sutra 1.14
16. Deshpande, a.a.O., S.37, Sutra 1.15
17. Deshpande, a.a.O., S.37, Sutra 1.16
Viel Spaß beim Lesen
Beste Grüße
larrim
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